03.06.2026

Einkaufscontrolling: Wie Sie den Wertbeitrag des Einkaufs messbar machen und strategisch steuern

Andy Freund [Senior Growth Manager]
Andy Freund Senior Growth Manager

Der Einkauf wird oft nur als Kostenfaktor gesehen, doch diese Sichtweise greift zu kurz. Eine professionelle Beschaffung ist ein entscheidender Hebel für den Unternehmenserfolg. Um dieses Potenzial zu nutzen, benötigen Sie Transparenz und Kontrolle. Genau hier setzt das Einkaufscontrolling an: Es ermöglicht die datengestützte Planung, Steuerung und Optimierung aller Prozesse und macht den Wertbeitrag des Einkaufs messbar. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie die wichtigsten Methoden und Kennzahlen anwenden.

Was genau ist Einkaufscontrolling?

Das Einkaufscontrolling ist ein Teilbereich des Controllings, der sich auf die Planung, Steuerung und Kontrolle aller Beschaffungsaktivitäten fokussiert. Es umfasst die systematische Analyse von Prozessen und Daten, um die Effizienz und Effektivität des Einkaufs messbar zu machen. Das Hauptziel ist es, dem Management fundierte Entscheidungsgrundlagen zu liefern und den Wertbeitrag des Einkaufs zum Unternehmenserfolg nachzuweisen.

Die zentralen Ziele: Mehr als nur Kosten senken

Die Reduzierung von Kosten ist ein wichtiges Ergebnis, doch die Ziele eines effektiven Einkaufscontrollings gehen weit darüber hinaus. Ein modernes Verständnis zielt auf eine ganzheitliche Optimierung der Abteilung ab. Es geht darum, die Leistungsfähigkeit messbar zu steigern und einen strategischen Beitrag zur Erreichung der Unternehmensziele zu leisten. Unsere Erfahrung zeigt, dass hier der größte Hebel für eine nachhaltige Verbesserung liegt.

  • Transparenz schaffen: Es sorgt für Übersicht über alle Beschaffungsaktivitäten, vom Einkaufsvolumen bis zur Lieferantenleistung. Diese Transparenz ist die Basis für jede Optimierung und ein Kernaspekt der Digitalisierung im Einkauf.
  • Wirtschaftlichkeit steigern: Statt nur den Einkaufspreis zu betrachten, werden die Gesamtkosten (Total Cost of Ownership, TCO) analysiert, was auch Folgekosten für Logistik, Qualität oder Lagerhaltung einschließt.
  • Versorgungssicherheit gewährleisten: Durch die Überwachung von Kennzahlen zur Zuverlässigkeit und die Bewertung von Risiken in der Supply Chain werden Engpässe und Produktionsausfälle frühzeitig vermieden.
  • Qualität sichern: Die Leistung von Lieferanten wird anhand objektiver Kriterien wie Liefertreue messbar gemacht, was ein systematisches Lieferantenmanagement und die Zielerreichung fördert.
  • Strategische Entscheidungen unterstützen: Das Controlling liefert fundierte Daten für das Management, etwa bei Make-or-Buy-Analysen, der Bündelung von Volumen oder der Auswahl von Stammlieferanten.

Zusammenfassend schlägt das Einkaufscontrolling die Brücke zwischen dem operativen Geschäft und der strategischen Planung. Es stellt sicher, dass die Beschaffung nicht nur effizient arbeitet, sondern auch aktiv zur Wertschöpfung im gesamten Unternehmen beiträgt.

Kreisdiagramm, dass die 5 Phasen des Einkaufscontrolling in einem Regelkreis darstellt

Die Aufgaben: Strategisch lenken, operativ handeln

Das Einkaufscontrolling lässt sich in zwei zentrale Bereiche gliedern: den strategischen und den operativen Teil. Während das strategische Controlling die langfristige Ausrichtung sichert, sorgt das operative Controlling für die reibungslose Umsetzung im Tagesgeschäft. Beide Ebenen sind eng miteinander verzahnt und für eine ganzheitliche Steuerung des Einkaufs unerlässlich. Nur im Zusammenspiel entfalten sie ihre volle Wirkung.

Strategisches Einkaufscontrolling

Auf der strategischen Ebene geht es um die Weichenstellung für die Zukunft. Hier werden grundlegende Entscheidungen getroffen, die die Leistungsfähigkeit und Organisation des Einkaufs nachhaltig beeinflussen. Das Ziel ist es, die Beschaffung optimal auf die übergeordneten Unternehmensziele auszurichten und langfristige Wettbewerbsvorteile zu sichern. Der Controller agiert hier als Sparringspartner für das Management.

  • Lieferantenportfolio-Analyse: Analyse und Bewertung des bestehenden Lieferantenstamms, um Risiken zu minimieren und Potenziale für Partnerschaften oder Konsolidierungen zu identifizieren.
  • Beschaffungsmarktanalyse: Kontinuierliches Monitoring der Märkte, um Preistrends, technologische Entwicklungen und neue potenzielle Lieferanten frühzeitig zu erkennen.
  • Risikomanagement: Identifikation und Bewertung von Risiken in den globalen Lieferketten (z.B. politische Instabilität, Insolvenz von Schlüssellieferanten) und Entwicklung von Gegenmaßnahmen.
  • Make-or-Buy-Entscheidungen: Bereitstellung von fundierten Daten, um zu entscheiden, ob ein Produkt oder eine Dienstleistung selbst hergestellt oder extern beschafft werden soll.
  • Unterstützung der Einkaufsstrategie: Mitwirkung bei der Definition von Warengruppenstrategien, der Bündelung von Volumen und der Verhandlung von Rahmenverträgen.

Operatives Einkaufscontrolling

Das operative Controlling fokussiert sich auf die Überwachung und Steuerung der täglichen Beschaffungsprozesse. Es dient der kurz- bis mittelfristigen Planung und Kontrolle, um die Effizienz sicherzustellen und Abweichungen von den Zielen schnell zu erkennen. Die hier gewonnenen Daten sind ein wichtiger Indikator für die Leistungsfähigkeit der Abteilung und bilden die Grundlage für den operativen Einkauf.

  • Bestellwert- und Bestellmengenanalyse: Überwachung des Einkaufsvolumens pro Lieferant, Warengruppe oder Kostenstelle, um Maverick Buying zu identifizieren und Einsparpotenziale aufzudecken.
  • Preis- und Kostenkontrolle: Regelmäßiger Abgleich der vereinbarten Preise mit den tatsächlich abgerechneten Kosten sowie die Überwachung von Bestellkosten und Prozesskosten.
  • Überwachung der Liefertreue und -qualität: Systematisches Erfassen von Kennzahlen zur Zuverlässigkeit der Lieferanten als Basis für die Lieferantenbewertung.
  • Budgetkontrolle: Laufender Soll-Ist-Vergleich der Budgets, um Planabweichungen frühzeitig zu melden und die Einhaltung der Vorgaben zu gewährleisten.

Graphische Darstellung der Top 10 Einkaufskennzahlen von Einkaufskosten bis Angebotspreis

Methoden und Instrumente: Der Werkzeugkasten des Controllers

Um die strategischen und operativen Aufgaben zu erfüllen, bedient sich das Einkaufscontrolling eines breiten Spektrums an Methoden und Instrumenten. Es gibt nicht das eine perfekte Tool; der Erfolg liegt in der intelligenten Kombination verschiedener Ansätze. Das Ziel ist stets, aus einer Flut von Daten verwertbare Informationen zu gewinnen, um die Einkaufsleistung gezielt zu verbessern. In der Praxis hat sich der Einsatz folgender Instrumente bewährt:

  • Spend-Analyse (Ausgabenanalyse): Hierbei wird das gesamte Einkaufsvolumen systematisch analysiert. Die zentrale Frage lautet: Wer kauft was, bei wem und zu welchen Konditionen? Die Spend-Analyse schafft eine grundlegende Transparenz und deckt Potenziale zur Bündelung von Bedarfen auf.
  • Lieferantenportfolio-Analyse: Nicht jeder Lieferant ist gleich wichtig. Diese Methode hilft dabei, Lieferanten strategisch zu segmentieren (z. B. in strategische Partner, Engpasslieferanten, Standardlieferanten), um das Lieferantenmanagement gezielt und ressourcenschonend zu steuern.
  • Benchmarking: Der Vergleich der eigenen Kennzahlen und Prozesse mit denen der besten Unternehmen im Markt (Best-in-Class) liefert wertvolle Impulse für die eigene Optimierung und die Definition realistischer Ziele.
  • ABC-/XYZ-Analyse: Diese klassischen Methoden aus der Materialwirtschaft helfen, Güter und Dienstleistungen nach ihrem Wertbeitrag (ABC) und ihrer Verbrauchsregelmäßigkeit (XYZ) zu klassifizieren, um die Steuerungs- und Lagerhaltungsstrategien zu optimieren.

Als Werkzeuge kommen dabei einfache Excel-Tabellen, aber zunehmend auch professionelle BI-Tools (Business Intelligence) und spezialisierte E-Procurement-Plattformen zum Einsatz. Moderne Softwarelösungen automatisieren das Reporting und ermöglichen ein kontinuierliches Monitoring in Echtzeit – ein entscheidender Vorteil gegenüber manueller Datenpflege.

Die wichtigsten Kennzahlen (KPIs) im Einkaufscontrolling

Kennzahlen (Key Performance Indicators, KPIs) sind das Herzstück jedes Controllings. Sie übersetzen die übergeordneten Ziele in messbare Größen und machen die Leistung des Einkaufs objektiv bewertbar. Doch Vorsicht: Es geht nicht darum, möglichst viele Daten zu erheben. Entscheidend ist die Auswahl der richtigen KPIs, die tatsächlich eine Aussagekraft über die Zielerreichung haben und als Grundlage für strategische Entscheidungen dienen können.

1. Kennzahlen zu Kosten und Einsparungen

Die Messung von Einsparungen ist die klassische Disziplin im Einkaufscontrolling. Eine Einsparung (Savings) wird typischerweise als Differenz zwischen einem alten Preis (Baseline) und dem neu verhandelten Preis, multipliziert mit der abgenommenen Menge, berechnet. Hierbei ist es wichtig, zwischen „Cost Avoidance“ (vermiedene Kosten, z. B. Abwehr einer Preiserhöhung) und „Hard Savings“ (direkte, budgetwirksame Reduzierungen) zu unterscheiden.

Eine weitere zentrale Kennzahl ist die Total Cost of Ownership (TCO). Dieser Ansatz betrachtet nicht nur den reinen Einkaufspreis, sondern die Gesamtkosten eines Produkts über seinen gesamten Lebenszyklus. Dazu zählen auch Kosten für Logistik, Lagerung, Schulung, Wartung und Entsorgung. Die TCO-Analyse ermöglicht eine weitaus fundiertere und wirtschaftlichere Beschaffungsentscheidung.

Die Maverick-Buying-Rate misst den Anteil der Beschaffungen, der an den offiziellen Prozessen und Rahmenverträgen vorbei getätigt wird („wilder Einkauf“). Eine hohe Quote ist ein Indikator für mangelnde Prozesseinhaltung und verschenktes Einsparpotenzial, da Skaleneffekte und verhandelte Konditionen nicht genutzt werden. Die Senkung dieser Quote ist ein klares Effizienzziel.

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